Lieben

Eine Liebe fürs Leben

24. Apr. 2014 - Lieben -
6 Comments

Nun, nicht für das ganze Leben. Denn kennengelernt habe ich sie erst 1988. 1986 waren wir frisch umgezogen. In ein neues Dorf. Ich kam in eine neue Klasse – und fand das alles ziemlich doof. Wir wohnten nun am Dorfrand – die Schule war mittendrin. Anfangs musste ich sogar zu Fuß zur Schule gehen. Das war ein langer Weg…

… mit der Zeit begann ein gemeinsamer Schulweg mit einem Jungen aus meiner Klasse, zwei Straßen weiter. Unsere Eltern kannten sich aus der Kirchengemeinde. Stefan hieß er (und heisst er wohl immer noch). Dieser Stefan gab mir dann irgendwann mal leihweise eine TDK „was auch immer“ 90 – krakelig beschriftet mit Horrorshow. Nichts ahnend legte ich dieses Tape daheim ein. Und war den Jungs verfallen. Vom ersten Moment an.

Wer es noch nicht ahnt: Es handelte sich um „Ein kleines bisschen Horroshow“ der Toten Hosen. Ich weiß nicht, ob ich genauso hingerissen gewesen wäre, wenn mein erstes Album Damenwahl oder Unter falscher Flagge gewesen wäre. Noch heute bekomme ich Gänsehaut bei den ersten Takten des Intros. Ein Konzept-Album, welches eine Geschichte erzählt. GENAU so fühlte ich mich damals auch – gefangen in der Gesellschaft.

Später erhielt ich dann immer wieder ein Tape durch Stefan (der diese von den LPs seines Bruders zog). Die witzigste Erinnerung dieser Zeit: „Hör dir das mal an, du bist doch immer so schlau – sind das die Hosen oder die Ärzte?“ Nicht beschriftet, nur vier Songs – „Ülüsü“, „Schwarzer Mann“, „Allein vor deinem Haus“ und „Geld“. Kopiert von einer Langspielplatte – rauschen, knistern …. für mich waren das ganz klar die Hosen. Allerdings war ich braves Mädchen ernsthaft entsetzt über manche Textstellen – ob ich diese damals verstand? Ich weiß es nicht. Jedenfalls war das so ganz anders als Horroshow. So… laut. Aggressiv. Ordinär!

Ebenso spannend: Schulfest. Himmel, ich hasste solche Veranstaltungen. Immer wurde jemand gesucht, der etwas aufführt. Es war gruselig. Damals jedoch gab es im Privat-TV (was wir natürlich nicht hatten oder gucken durften, so ganz genau weiß ich das nicht mehr) die Mini-Playback-Show: Kinder eiferten ihren (oder ihrer Eltern) Idole nach und performten zu Playbacks. Dieses Format war der Hit – und wurde eifrig in unsere Schule und unser Schulfest getragen. Das erste Lied, welches wir unseren Klassen- und Musiklehrern vortrugen viel gnadenlos durch: „Hofgarten“ Auch das zweite sorgte wenig für Begeisterungsstürme: „Das Altbierlied“ Ich bin mir sicher, es lag nicht (nur) daran, das man in Niedersachsen eher Pils statt Alt trinkt. Durchgesetzt hatten wir uns dann tatsächlich mit „Hier kommt Alex.  Neben Robin Beck und Bobby McFerrin hatten wir sehr viel Spaß auf der Bühne. Die anderen wohl auch gerade dann, als ich mich als Breiti an den imaginären Bass stellte und diesen zupfen wollte…. bis dahin war mir ein eBass einfach unbekannt. Nun ja, der  Lacher war mir sicher.

Seit dieser Zeit wanderte zunächst jede Cassette, einige VHS, jede CD, jede DVD zu mir nach Hause. Möglichst zeitnah nach der Erscheinung. Wie bequem ist doch heute das internet mit der Möglichkeit, ohne langes Anstehen im Plattenladen einen Titel vorzubestellen und bei erscheinen per Post nach Hause zu bekommen!

Die Toten Hosen sind und bleiben eine meiner Lieben in meinem Leben. Ist so.

Natürlich war ich in den letzten Jahrzehnten (wie das klingt!) auf einigen Konzerten. Der Gatte behauptet ja, bei der letzten Tour sei ich mehr in Arenen als daheim gewesen. Stimmt so nicht. Aber ja – es war mehr als eins. Und es war toll!

Warum ich immer noch auf die Toten Hosen stehe?

Jedesmal, wenn ein neues Album raus kam, war mindestens ein Titel darauf zu finden, was genau meine Lebenssituation beschrieb. Nein, es waren weder „Eisgekühlter Bomerlunder“ oder „Zehn kleine Jägermeister“.

Ja, auch Punkrock kann Songs haben, deren Texte unter die Haut gehen oder deren wahre Schönheit zwischen den Zeilen steht. Es bleibt das Gefühl: mit wachen Augen durchs leben stolpern, nach links und rechts sehen – auf der Suche nach irgendeiner Zufriedenheit – hey! es gibt noch mehr da draußen wie mich! Ja, deswegen liebe ich sie. Mal Party ohne Ende, mal kritisch oder auch selbstzerstörerisch. Es ist oft ein Teil meines Lebens, den die Hosen da besingen.

Wie ist es bei euch?

Habt ihr auch DIE Band, die euch ein Leben lang begleitet?

Was fasziniert euch? Seit ihr Hardcore-Fans, die ihrer Band oder ihrem Idol hinterher reisen und kein Konzert auslassen? Oder reichen euch die Alben?

P.S.: Das grottigste Album ist für mich übrigens „Kauf mich!“ – das beste ist immer noch mein erstes „Ein kleines bisschen Horrorshow“.

6 Comments on Eine Liebe fürs Leben

  1. Meine „Lebensband“, wie ich sie gerne nenne, konnte ich nur zehn Jahre lang begleiten: The Ark aus Schweden. Entdeckt habe ich sie bei einem Showcase 2001 in Zürich, danach hab ich Konzerte in der Schweiz, in Deutschland, Frankreich, Dänemark und Norwegen besucht (hierzulande unbekannte skandinavische Bands und ihre Tourdaten in unseren Gefilden … abgrundtiefer Seufzer!). Und dann beschließen die Ende 2010, dass sie nach 20 Jahren Bandgeschichte – die haben schon als Schülerband angefangen – aufhören wollen, solange sie sich noch gut verstehen. Argh. Ja, ich hab damals geheult wie ein Teenie, als ich die News gelesen habe. Ich hab auch am letzten Konzert, das ich besucht habe, geheult wie ein Teenie, und nein, es ist mir auch jetzt noch kein bisschen peinlich. Aber ich vermisse die Jungs immer noch unglaublich, und es wird mir bei jedem Hören ihrer Songs etwas weh ums Herz.

    (Ich glaub, ich geh jetzt gleich mal alle Alben durchhören. ;))

    • So richtiger Herzschmerz, ja? Ein bisschen ging es mir dieses Mal auch so… ich hab für alle erreichbaren Konzerte Karten gekauft – in panischer Angst, das dies die letzte Tour wird. Und das Drama war erst mal groß, als wir fürs Tourfinale zunächst KEINE (Innenraum)Karten erhielten… ich geh dann mal youtuben…

  2. Meine Liebe für`s Leben ist die gleiche Band wie bei dir 😉 In der Jugend hab ich die toten Hosen kennen und lieben gelernt, seitdem verpass´ ich kein Album mehr,…Zwischendurch gab es da noch die ein oder andere Band, die ich gern gehört hab, aber wie das so im Leben ist,… die einen kommen, die anderen gehen, aber manche bleiben für immer,… so eben auch die Hosen 😉

    Auf einem Konzert war ich noch nie :(, dafür hat mir der Lieblingsmann die „MTV unpliugged Nur zu Besuch – live im Wiener Burgtheater“ geschenkt,… als Auslgeich quasi,…

    LG Frau JuB, die sich jetzt mal wieder die Hosen reinzieht 😉

    • Noch NIE? Dabei wohnst du doch auch quasi vor der Haustür, oder? Magst du generell keine Konzerte oder hast halt immer nicht gepasst? Und es wird Zeit für unser Date: DVDs gucken und Singstar 🙂

  3. Ach, wie schön! Ein Freitäglicher Songtag! Ich mag Geschichten zu Liedern, Bands und Leidenschaften und Du hast das ganz wunderbar geschrieben! Die toten Hosen mag ich übrigens auch, aber ganz so stringent bin ich in miner Liebe nicht… Angefangen mir Michael Jackson über die Smashing Pumpkins bin ich gerade bei Iron and Wine angekommen 😉
    Liebe Grüße und ein wunderbares Wochenenede
    Johanna

    • Hallöchen!
      Iron & Wine werde ich mir dann mal in Ruhe anhören. Von Michael Jackson hatte ich genau EINE Kassette: Thriller. So ein echter, großer Fan mit hysterischen kreischen und Zeitungsschnipsel sammeln war ich ja nie, von nichts und niemandem. Aber den Hosen werd ich wohl bis ins Grab treu bleiben *lach*
      Minerva

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