Laufen

Schwimmen ist doof! oder: Wer lesen kann, ist im Vorteil

15. Jun. 2014 - Laufen -
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Am Freitag begann das 24-Stunden-Schwimmen hier in unserer Stadt. Leider hatte ich einige Termine während der Dauer dieser Veranstaltung, so daß ich weiter keinen Gedanken daran verschwendete außer: Wäre schön gewesen. 2001 oder 2002 habe ich schon mal an einem 24-Stunden-Schwimmen teilgenommen – im HofBad. Der Teenager hatte damals gerade schwimmen gelernt und wir schwammen beide die Distanz die man absolvieren musste, um das Andenken-Tshirt zu erhalten. Ich weiß nicht mehr, wie viel es war, aber wir beide sind stolz nach Hause gegangen.

Freitag Abend war ich auf einer Geburtstagsparty. Ein schöner Abend, wir saßen draussen und liessen es uns gut gehen. Für mich war am Samstag ausschlafen eingeplant, denn Mittags sollte die Abschlußparty der 4.Klässler meiner Mini-Hühner gefeiert werden.

Wie es der Teufel will: Ausgeschlafen hatte ich trotz später Zu-Bett-Geh-Zeit bereits um 6:30h. Raus aus dem Schlafzimmer, runter ins Wohnzimmer und – wie morgens immer – erst mal gucken, was die anderen so treiben bzw. während meiner Nachtruhe anstellten: eine kleine Runde bei Facebook und Instagram.
Elkes Beitrag aus der Nacht ließ mich kurz inne halten – nachdenken (Gatte und Hühner schalten eh lange… neunzig Minuten am Stück schaffst du locker… endlich hat das Bad mal geöffnet, wie es zu mir passt….) und dann zur Homepage des TSV surfen um zu gucken, wie das Startgeld ist. Fix einen Matchs Latte angerührt, Schwimmtasche gepackt… he, wo ist meine Schwimmbrille? … schnell noch zwei Bananen und den Rest der Cocos-Reismilch in die Tasche geworfen… los gehts.

Am Bad angekommen erwartete mich strahlender Sonnenschein, Musik, fröhliche Menschen… an der Kasse mein Startgeld bezahlt und eine Wettkampfkarte erhalten. Brav ausgefüllt. Ab um die Ecke: Was für ein Anblick! Endlich mal keine Kette quer durch die 50 m-Bahn! Schwups, in die Umkleide, Kleider und Wertsachen eingeschlossen, duschen… und ins Wasser. Bahn aussuchen, Karte dem „Kampfrichter“ übergeben.

Natürlich hab ich mich wieder für eine Bahn am Rand entschieden. Keine Ahnung warum, aber mir ist es lieber so. Außerdem war es die Bahn, wo aktuell die wenigsten Schwimmer unterwegs waren.

Wie handhabt ihr das denn, wenn ihr schwimmen geht und wählen könnt? Vorausgesetzt, es ist ein reines Schwimmerbecken?

Langsam einschwimmen. Mittlerweile war es viertel vor Acht. Neunzig Minuten war der Plan – so wäre ich gegen halb zehn wieder daheim… pünktlich zum Frühstück mit der Familie. Blauer Himmel, wenige Leute im Wasser – perfekt! Ich schwamm friedlich vor mich hin.

Und das, obwohl ich schwimmen eigentlich ziemlich doof finde.

Der Aufwand, bis man an der Sportstätte ist. Die Duschen, die entweder zu heiß oder zu kalt sind. Das Wasser, welches oft (zu stark) gechlort oder zu warm ist. Das „aus den Klamotten pellen“ und schlimmer noch – in einer dämpfigen, engen Umkleide hinterher wieder angezogen werden muss. Doch das sind nur die Umstände. Zum Schwimmen an sich: Ich kann das nicht. Nicht gut. Finde ich. Lange Zeit schwamm ich nur noch mit „bloß den Kopf über Wasser halten und nichts in die Augen bekommen.“ Das gab dann einen steifen Nacken und nix war mit dem erholsamen Effekt, den die Orthopäden gerne dem Schwimmen zuschreiben. Schwimmen gehen ist Stress pur. Dabei hab ich noch gar nicht erwähnt, wie sehr es mich stört, im Bad quasi nackt – nur mit einem Badeanzug unterwegs zu sein. Daher gleicht der Weg von der Umkleide eher einem Sprint eines Nilpferdes als dem eleganten Schreiten eines Flamingos.

Also: Schwimmen ist doof. Alles, was ich nicht gut kann, finde ich doof.

Dennoch überwinde ich mich immer mal wieder und trau mich ins Wasser. Ob in öffentlichen Bädern (wo ich das Freibad ganz klar dem Hallenbad vorziehe) oder im See. See ist toll, denn meist ist das Wasser dort wirklich erfrischend, weniger Leute toben um einen herum und es gibt genügend Ausweichmöglichkeiten für die, die tatsächlich schwimmen und nicht planschen, Aquajoggen oder Kaffeeklatschen wollen. Allerdings hab ich Schiss vor Baggerseen. Die oftmals unerwarteten kalten Strömungen, wenn man über eine tiefere Stelle schwimmt. Den Grund, den man nicht sehen kann… Oder Entengrütze und ähnliches, welches dir auf Mundhöhe entgegenschwimmt… manchmal auch Surfer, Segler, Motor- oder Tretbootfahrer…

Für dieses Jahr (nein, für den Rest meines Lebens) hab ich mir vorgenommen, mich meinen Ängsten zu stellen. Deswegen war ich im ersten Quartal dieses Jahres auch zum Krafttraining. Nein, ich kann bis heute nicht Kraulen. Für mich hätte der Unterricht durch mehr Wiederholungen geprägt sein müssen, um mich um Erfolg zu bringen. Aber ich war dort. Ich hab meinen Kopf unter Wasser gehalten, ich lernte (wieder), vernünftig zu atmen und nicht sofort aufzugeben, wenn ich mal Wasser in die Lunge bekam. Ich bin langsamer als alle anderen gewesen. Ich schwamm auch am Ende des Kurses nur mit Flossen, da ich sonst nicht vom Fleck kam. Immer letzter sein macht überhaupt keinen Spaß.

Aber: Ich hab es durchgezogen.

Und im Herbst mach ich das nochmal. Kann ja nicht sein, das meine Kinder besser schwimmen als ich 🙂 Und ganz vielleicht lerne ich dann auch mal, mit einem Kopfsprung ins Wasser zu gleiten.

Zurück zu gestern: Ich schwamm also friedlich meinen Bahnen. Zunächst noch mit der „Kopf über Wasser“ Methode. Merkte aber ziemlich schnell, das mich das bremst und ich am Ende wohl wieder mit Nackenproblemen aus dem Wasser klettern würde. Also mutig die Brille auf die Augen gesetzt, die ersten Züge gewagt. Es war super! Vor allem, da gerade einer der gruseligsten Songs der letzten Jahre aus den Boxen neben meiner Bahn dröhnte. Einatmen – Kopf unter Wasser, einen Armzug lang –  Kopf hoch, ausatmen … und weiter so. Tat gar nicht weh. Und mit der Zeit fand ich meinen Rhythmus.

Nach gut 30 Minuten schweiften meine Gedanken ab: „Hm, in der Ausschreibung stand was von Medaillen. Wäre doch schon cool, eine mit nach Hause zu nehmen, gell? Aber 5.000 m? Himmel, wie viele Bahnen sind das denn? Viele. Viel zu viele! Und welcher Idiot lässt die Leute für Bronze so weit schwimmen?“ Und verflixt: Ich muss mal! Raus aus dem Wasser, Sprint zur Pipibox, wieder rein ins Wasser – vorher aber noch kurz das Mädel vor meiner Karte gefragt, wie weit ich denn sei… 1.100 m … ah, so wenige erst? … wieder rein ins Wasser. 90 Minuten, das schwimm ich sonst auch immer. Das schaffe ich. Und dann nach Hause.

Pustekuchen. Irgendwas in mir wollte mehr. Die 5.000 m und die Bronzemedaille wollten von mir erobert werden. Ich hab es gespürt. So bat ich, nach jedem Kilometer von meinem Fortschritt informiert zu werden. Denn selber mitzählen hab ich nicht geschafft. Immer wieder lies ich mich von anderen Schwimmern ablenken. Bei 3.000 km musste ich schon wieder auf Klo. Und hatte Hunger! Man gut, das ich mir doch noch Bananen eingepackt hatte. Eine davon musste daran glauben, ebenso der Rest des Drinks. Eigentlich wollte ich ja schon längst wieder daheim sein. Eigentlich.

Wieder im Wasser. Die Gedanken kreisten um „Man, bist du egoistisch, lässt den Rest der Familie allein zu Hause. Müssen ihr Frühstück selber machen.“ und auch „Bist du eigentlich blöd? Schwimmen ist doof. Du kannst das doch gar nicht richtig! Wie langsam du bist!“

Mittlerweile hatte ich auf meiner Bahn allerdings zwei ältere Damen, die jedes Mal, wenn man in den Nichtschwimmerbereich schwamm, mit Aquajoggen anfingen. Argh! Slalomschwimmen! Kaum etwas finde ich lästiger, als um andere Leute herumschwimmen zu müssen. Ich bin langsam. Und gerade, wenn man eine Bahn im Kreisverkehr benutzt – oft genug kannst du eben nicht überholen, da der Gegenverkehr gerade just in diesem Moment auf gleicher Höhe ist. Am schönsten ist es natürlich, wenn der Gegenverkehr ein Rückenschwimmer ist, der sehr raumgreifend seine Zickzackbahnen absolviert. *ironieaus* Ich hab versucht, mich nicht zu sehr darüber zu ärgern. Ist mir gelungen. Meistens.

Geht es euch auch so? Schwimmbad und andere Schwimmer, die eure Bahnen kreuzen… Ist halt so oder drüber ärgern? Anraunzen oder gelassen weiterschwimmen?

Als wir irgendwann mit Helene Fischer beschallt wurden, änderte ich meine Strategie von einem Zug unter Wasser auf zwei Züge unter Wasser. Ganz vorsichtig. Und freute mich wie eine Schneeköningin, als ich weder unter Atemnot sofort abbrechen musste noch beim auftauchen wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft schnappen musste. ICH! kann wieder einigermassen vernünftig Brustschwimmen!

So bei Kilometer Vier merkte ich dann, das ich langsam steifer wurde, die Bewegungen nicht mehr so flüssig. Haderte mit mir und meiner Entscheidung, die 5 km für sowas Blödes wie eine Bronzemedaille zu schwimmen. „Aber hey, nur noch 1.000 m, 20 Bahnen, was ist das denn schon im vergleich zu dem, was zu schon geschafft hast. Jetzt aufgeben? Peinlich, oder? Klar weiß keiner davon… aber viel cooler ist es doch, hinterher zu sagen: ich war da. Ich hab es geschafft!“ Also weitergeschwommen. Und nochmal: Pipibox. Wie machen das bitte die anderen, die lange Strecken im Bad schwimmen? Müssen die gar nicht müssen?

Die letzten Meter waren zäh. Zumal dann meine Bahn verschoben und mit der daneben zusammengelegt wurde. Um zehn startete nämlich das Schwimmen der Grundschulen. Noch mehr Rückenschwimmer auf meiner Bahn. Und von nebenan das Geplansche einer Horde Grundschüler… die haben vielleicht eine Welle gemacht. Ruhig und gleichmässig ging bei mir dann kaum noch.

4.900 m – ich hab also richtig mitgezählt. Zwei Bahnen noch und ich bin fertig. Die Sonne scheint. Ich bin zufrieden mit mir. Und stolz auf mich. Und fertig. Meine Schulter zieht. Ich bin müde. Und hungrig.

An der Kasse dann meinen Zettel abgegeben, Urkunde erhalten. Und eine Goldmedaille. Hab ich erst gar nicht gemerkt. Auf dem Weg zum Auto beim Versuch, ein vernünftiges Foto für Instagram zu machen, ist es mir aufgefallen. Egal. Ich will nach Hause, eine warme Dusche und meine Blackroll. Etwas gescheites Essen und ja, trinken! Das man nach circa 2:30 Stunden im Wasser so einen Durst haben kann!

Zu Hause brach meine Familie – wie erwartete – nicht in Jubelrufe ob meiner sportlichen Höchstleistung aus (ganz im Gegensatz zu meinen lieben Followern bei Instagram und Facebook :-)). Immerhin war der Tisch gedeckt und wir frühstückten zusammen in aller Ruhe. Meine Sorge, das die Armen ohne mich alleine essen müssten und ohne meine Anwesenheit total aufgeschmissen wären war grundlos: sie sind alle erst gegen 10:15 aus den Betten geplumpst.

5kswim

Später las ich dann die Ausschreibung nochmal – und musste herzhaft lachen:

Ich hatte mich verlesen!

Bereits bei 500 m gab es eine Bronzemedaille, ab 3.000 m dann Gold. Ich bin quasi an meinem Minimalziel um 4.500 m vorbeigeschwommen. Zum Glück kann ich heute sagen: Denn das Schwimmen von 5.000 m hatte ich mir selbst nie im Leben zugetraut. Auch nicht, jemals 2:30 h am Stück im Wasser zu sein und mich schwimmend fortzubewegen. Somit hatte es irgendwie doch was Gutes, das ich die Ausschreibung nicht zu Ende las:

Ich hab mich selbst übertroffen. Und bin stolz darauf.

Warum ich euch allen das erzähle? Weil ich selbst immer wieder froh darüber bin, auf andere Menschen zu stoßen, die ähnliche Erfahrungen machen. Von denen lasse ich mich gerne mitziehen und motivieren. Eine, die ich seit Anfang des Jahres verfolge und sehr schätze ist Judith mit ihrem Blog „Vegan Marathon„. Über Nacht entschieden: Ich will Marathon laufen – und einfach anfangen. Andere daran teilhaben lassen – an Höhen und Tiefen, an Erfolgen und Selbstzweifeln. Ihr glaubt gar nicht, wie hilfreich es ist, „da draußen“ auf diesem Planeten andere zu wissen, die ähnlich ticken wie ihr. Quasi über Nacht begann ich, vegan zu essen. Fast genau so spontan traf ich die Entscheidung, einen Halbmarathon zu laufen. Dabei bin ich weder sonderlich strukturiert, noch organisiert noch sportlich. Aber ich schaff das. Auch weil ich weiß, das ich mittlerweile andere angesteckt habe – meine Motivation zieht Kreise.

Und das fühlt sich verdammt gut an!

Herzlichen Dank an dieser Stelle an alle, die mich an ihren Erlebnissen teilhaben lassen: durch Blogs, Fotos bei Instagram, Mails oder – ja, das gibt es auch noch! – Gespräche von Angesicht zu Angesicht. Ich bin froh über die Möglichkeiten, die die gar nicht mehr so neue Welt der mobilen Kommunikation uns allen bietet.

Motivation ist alles – wir packens!

 

 

 

 

 

 

 

 

11 Comments on Schwimmen ist doof! oder: Wer lesen kann, ist im Vorteil

  1. Dein Posting spricht mir aus der Seele! Schwimmen ist für mich sowas von anstrengend, dass es keinen Spaßfaktor hat. Und deine Neigung zu persönlichen Challenges kann ich ebenso nachvollziehen 🙂 daher gratuliere ich dir umso mehr, dass du so unglaublich viel geschwommen bist. Hatte dir ja bei Instagram von meinem 200m – Debakel erzählt … Und ich mach ja wirklich (leider) null Sport. Würde total gern, aber die Bedingungen dafür sind leider suboptimal – naja meine Zeit kommt bestimmt. Bis dahin lese ich deine Erfolge mit und freue mich, dass du es schaffst dich deinen Ängsten zu stellen – versuche ich auch oft!

    • Ach Frau Brause…. manchmal passt es. Manchmal nicht… als ich damals mit dem Teenie alleine war, bin ich vor dem Bildschirm rumgehopst, nach WW-Videos… ich hab mich nicht raus getraut (außer zur Arbeit)… aber Spaß war was anderes… Ich wünsch dir viel Kraft und noch mehr Inspirationsquellen für deinen Weg!

  2. Wahnsinn! Ich gehe regelmäßig schwimmen, auch ma 3km, aber 5km am Stück zu schwimmen würde ich mir auch mehrmals überlegen. Und schon gar nicht spontan entscheiden 😉
    Eine Frage hätte ich zu deiner Blackroll, bist du damit zufrieden?
    Liebe Grüße – Anna

    • Danke liebe Anne! Irgendwie bin ich zur Zeit auch sehr von mir selbst überrascht… mal sehen, wohin das alles noch führt. Zur Blackroll: ja! Super! Wenn ich mir nur auch die Zeit nähme, VOR dem Sport das Ding zu benutzen, wäre es noch effektiver.

  3. oh man hast du Mut, so früh am Morgen zu schwimmen, gratuliere………
    ja deine Familie ist ja schon selbstständig und da kannst du schon mal etwas für dich tun-gut so-

    liebe Grüße aus Celle

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