Monat: Dezember 2014

Lieben

Weihnacht – was bist du?

19. Dez. 2014 - Lieben -
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Weihnacht, was bist du?
Bist du Kerzen und Schnee
oder nur ein Seemann,
der allein ist auf See?

Weihnacht, was bist du?
Bist du Hoffnung der Welt
oder bist du einfach
das ganz große Geld?

Glaubst du, alle Menschen
verstehn dein Wort noch heut
oder bist du nur ein Traum
aus unserer Kinderzeit?

[…]

Text: Rolf Zuckowski von der CD „Wir warten auf Weihnachten“

Heute früh: Schulgottesdienst – das mittlere Huhn ist mit der Klasse für die musikalische Gestatung verantwortlich. Die große Überschrift ist „Licht“ – neben „Türen öffnen sich – Türen schließen sich.“

In mir brodelte es. Nicht erst seit heute früh – schon länger ist da eine Unruhe, ein Unwohlsein. Ich bekomme es nicht wirklich zu fassen. Klar ist: es hat etwas mit Weihnachten zu tun. Dreißig Minuten in unserer schönen Kirche, dazu Texte, die unter die Haut gehen (zumindest unter meine). Lass ich es einfach mal übersprudeln…

Überall sind seit Wochen Lichter, Kerzen und Elche zu sehen. Alle Welt redet vom Weihnachtsmann, von den Geschenken. Jeder Erwachsen fühlt sich latent gestresst vor lauter „müssen“ – die Kinder haben eine Adventsfeier nach der anderen, dazwischen das ein oder andere Vorspiel oder eben auch einen „Muss-Gottesdienst“ durch den Konfirmandenunterricht.

Seit Wochen liegen hier (gekaufte) Weihnachtskarten, die auf DIE Inspiration meinerseits hoffen. Plätzchen backen mussten meine Kinder mit der Oma. Gebastelt haben wir nichts. Gar nichts. Den Adventskranz zu binden hat mir Spaß gemacht, aber als es dann an die Dekoration ging gar nichts mehr.

Geist der Weihnacht

Habt ihr ihn gefunden? Laut der Muppets Weihnachtsgeschichte findet ihr ihn […] dort wo du Liebe findest […].

Ich finde ihn trotzdem nicht. Traurig, aber wahr.

Seit ich für mich entdeckt habe, das ich tatsächlich weder an Gott, Jahwe oder eine ähnliche ordnende Hand glaube, fällt es mir immer schwerer, die Weihnachtszeit auszuhalten. Leider entdeckte ich meine Nicht-Beziehung erst in den letzten zehn Jahren – und seit gut drei Jahren kann ich das auch offen sagen. Ich glaube nicht an Gott. „Mama, warum betest du nicht mit? Warum machst du das Kreuzzeichen nicht?“ Es fällt schwer, dies in einer vollen Kirche auszusprechen. Dennoch gehe ich hin. Denn sonderbarerweise berührt mich der Ort, die oft sehr spirituelle Stimmung, sehr.

Leider deswegen, weil ich nun Kinder habe. Kinder, mit denen ich in einer christlich geprägten Welt lebe, in der viele Traditionen und Rituale den Alltag bestimmen.

In den letzten Jahren habe ich versucht, die Weihnachtszeit als „deutsche Tradition“ zu zelebrieren. Mit allem, was ich ja die letzten Jahre auch problemlos machte: Adventskalender basteln und füllen. Weihnachtslieder singen, gemeinsam musizieren und die Krippe aufstellen. Der Versuch, trotzdem eine wohlige Atmosphäre zu schaffen, die man ja zum Fest der Liebe erwarten dürfe.

Dieses Jahr schaffe ich es nicht.

Seit August fühle ich mich bedrängt von der Weihnachtszeit, die bitte friedlich und in freudiger Erwartung zu gestalten sei. Himmel, warum soll ich? Aus meiner Sicht ist die Bibel ähnlich wahr wie die Hausmärchen der Gebrüder Grimm.

Mich macht es traurig wenn ich sehe, wie andere Menschen – vor allem Familien – es schaffen, die Adventszeit wirklich zu einer besinnlichen Zeit zu machen. So gerne würde ich es mir und meinen Kindern, also meiner Familie, auch schenken. Doch: ich kann das nicht.

Die Erwartungen der Gesellschaft an mich – sie schaffen mich. Klingt so pauschal. Aber es fühlt sich für mich so an: Du musst zu Weihnachten voller Vorfreude sein, ist ja schließlich bald Jesus‘ Geburtstag!

Überall um mich herum: die tollsten Adventskalender – online oder offline. Super Plätzchenrezepte, Ideen für ein Festmahl und DAS Dessert schlechthin. Der Trend zu überbordender Dekoration, das Wettrüsten durch Leuchtmittel – gerne außerhäusig angebracht.

Vieles davon finde ich wunderschön. Ich mag die Vorstellung vom Licht in der Dunkelheit. Ich mag das Gefühl von Wärme am Kamin mit einer Tasse Schokolade in der Hand. Eine hübsche, harmonische Dekoration ist etwas wunderbares! Ein mit Lichtern und Kugeln geschmückter Baum ist fein. Ich sitze gerne am Tisch, genieße ein gutes essen und Gespräche.

Was mich hindert, es einfach so zu tun? Kontext, Mein Englischlehrer sagte früher immer: „Das alles erschließt sich aus dem Kontext, Kinder. Keine Angst vor Vokabellücken!“

Fehlen mir auch hier nur die Vokabeln? Nein. Es fehlt mir wohl an einer eigenen Position. Und solange diese nicht da ist – ist da halt ne Lücke. Die gefüllt werden möchte.

Zu gerne würde ich einfach ein Lichterfest feiern. Wintersonnenwende wäre eine Möglichkeit.

Darf ich das?

Darf ich … da ist es wieder. Das Hinterfragen ob etwas richtig oder falsch ist. Früher dachte ich, erwachsen ist man, wenn man in seinen Entscheidungen frei ist. Heute denke ich: nach dieser Defintion bin ich noch lange nicht Erwachsen. Denn zu viele Entscheidungen werden getroffen, die aus Rücksicht oder (vermeintlicher) Erwartungshaltungen anderer so gewählt wurden.

Ich muss.

Meinen Weg finden – das muss ich. In einer Gesellschaft, die zum Teil doch andern Werten verpflichtet ist als ich es für mich möchte. Das ist nicht einfach. Jemand sagte zu mir vor einigen Jahren:

„Es ist gut zu wissen, was man nicht will. Das ist aber nur ein Anfang. Du solltest auch wissen, was du willst!“

Schon in meiner Schulzeit hab ich mir als Wahlspruch ausgesucht: „Etiam si omnes, ego non.“ (sehr frei übersetzt: Auch wenn alle mitmachen, ich nicht). So ganz passt das natprlich auch nicht. Denn auch nur dagegen sein hilft nicht. Ich brauche eine Alternative.

Und was soll das ganze jetzt?

Zuallererst: ich hab das Bedürfnis, diese Gedanken schwarz auf weiß zu sehen. Diese Gedanken sichtbar zu wissen. Aufgeschrieben ist es etwas wirklicher. Nicht nur ein Hirngespinst.

Zweitens: Vielleicht gibt es da draußen noch Menschen, denen es ähnlich geht. Die sich selbst noch gar nicht eingestehen konnten, das irgendwas nicht stimmt. Oder – wie ich – nur ein diffuses Unbehagen verspüren. Eventuell schubse ich einfach ein paar Gedanken an?

Drittens: Ganz vielleicht finde ich auf diesem Weg Menschen, die diesen Prozess schon hinter sich haben. Die von ihren Erfahrungen berichten können, wie sie aus diesem Dilemma heraus gekommen sind. Bitte: schreibt mir! Per Kommentar oder Email (minervahuhn@icloud.com).

Licht statt Stein, Türen öffnen statt zufallen lassen

Das möchte ich sein. Das möchte ich tun.
„Esotherischer Selbstfindungstrip“ nannte es jemand neulich. Das hat mich sehr verletzt. Jahrelang litt ich immer wieder unter depressiven Verstimmungen und auch der einen oder anderen Depression. Das ist nicht schön. Verantwortung tragen, verantwortlich sein – aber eben nicht fremdbestimmt durch Werte, die nicht meine sind. Der Weg dorthin ist steinig. Ich wünschte, ich hätte früher schon die Kraft gehabt, diesen Weg überhaupt zu suchen.

Ich bitte um Entschuldigung

Alle, die in den letzten Jahren Erwartungen an mich hatten, die ich nicht erfüllen konnte.
Bekannte, denen ich (unbewusst) auf die Füße getreten bin mit meiner Offenheit oder auch Unzuverlässigkeit, wenn ich etwas versprach, was ich nicht halten konnte.
Freunde, die von meinem Rückzug ins Private zum Teil zu kurz gekommen oder auf der Strecke geblieben sind.Meine Familie, die mit der nach außen wirkenden inneren Umbruchphase leben müssen. Das ist nicht einfach. Gerade deswegen bin ich dankbar, das sie trotzdem alle bei mir bleiben. Mich halten.

Ich bin dankbar für den Moment

Statt zu putzen nahm ich mir die Zeit, meine Gedanken zu sortieren. Ich hoffe, dieses wirkt länger nach als ein gesaugtes Wohnzimmer vorhält. Auf alle Fälle geht es mir jetzt besser als noch heute morgen beim Aufstehen.

Dankbar auch für die, die bis hier durchgehalten haben. Ohne ein enziges Foto. Ohne erbauliche Zitate. Ohne ultimative Gewinne im Adventskalender. Ohne Rezepte und ohne Blingbling.

Euch allen wünsche ich …

… Licht, das euch den Weg weist, der gut für euch ist.
… eine Hand, die die Eure hält in Zeiten, die nicht einfach sind.
… Kraft, euch für eure Ziele und Ideen einzusetzen.
… mehr sich öffnende Türen als verschlossene.
… Menschen, die euch inspirieren.
… Ideen, für die zu Leben es lohnt.